50 Jahre SC Rist…mit Marc Köpp

  • 7. Februar 2018

Wedeler Basketball-Geschichte und -Geschichten: Anlässlich des 50-jährigen Vereinsjubiläums sprechen in unserer Artikelreihe Rist-Persönlichkeiten über ihren Klub, ihre Karriere und mehr.

Marc Köpp nicht in einem Atemzug mit der Glanzzeit der 1. Damen zu nennen, ist unmöglich. Schließlich war der 49-Jährige der Architekt des Aufstieges, des Vordringens unter die besten Mannschaften Deutschlands, ins Pokalendspiel und in den Europapokal. Nachzulesen sind Köpps Erinnerungen an das wohl beste Jahr der Risterinnen, die Saison 2000/01, auch im Sammelalbum zum 50-jährigen Vereinsjubiläum, das unter anderem bei den ProB-Heimspielen in der Steinberghalle sowie im Sportshop Wedel (Feldstraße 1, Wedel) erhältlich ist.


Wedeler Erstligajahre: Marc Köpp als Trainer der 1. Damen. Fotos: Claus Bergmann

„Der Aufstieg ist perfekt“, meldete das Hamburger Abendblatt am 6. März 2000 nach dem 62:51-Sieg der 1. Damen über den TV Bensberg. Kein Triumph über Nacht, kein Überraschungsschlag, sondern das Ergebnis einer stetigen Entwicklung. „Seit Wochen zweifelte kaum noch jemand an dem einmaligen Vorgang in der Geschichte des Wedeler Basketballclubs. Nur eine einzige Niederlage leistete sich die Mannschaft um Trainer Marc Köpp“, schrieb das Blatt.

Angefangen hatte der Marsch in Richtung Bundesliga vier Jahre vorher, 1996 also: Der damalige Rist-Präsident, der 2014 verstorbene Ferdinand Bach, lotste Köpp, seinerzeit in Trainerdiensten der BG 74 Göttingen, an den Steinberg zurück. Bach sei zweifellos einer der Pfeiler der späteren Erfolge gewesen, betont Köpp und erinnert sich an den Anruf aus Wedel: „Ich saß in Göttingen im Büro, habe bei einem Sponsor gearbeitet, hatte da einen Studentenjob. Und Ferdinand Bach sagt: ‚Und, kommst Du nach Wedel? Wir wollen in die erste Liga.‘ Da war die Mannschaft gerade in die Regionalliga abgestiegen. Ich habe gesagt: ‚Gut machen wir mal‘. Auch wenn es noch ganz weit weg war, überhaupt an die erste Liga zu denken.“ Mit Köpp holte Bach den Mann, der zum Baumeister der Glanzzeit des Wedeler Damen-Basketballs wurde: Er formte eine Truppe, deren Kern zusammenblieb und die Schritt für Schritt immer besser wurde. Der Wiederaufstieg in die 2. Bundesliga gelang 1997, drei Jahre später, im März 2000, war der SC Rist im Oberhaus. „Wir sind ja gesund und nicht irgendwie mit Geld aufgestiegen“, so Köpp. „In den Jahren hatten wir einen sehr starken Nachwuchs, allen voran natürlich Katharina Kühn und Hanna Green.“

Angst vor großen Namen war den Risterinnen fremd. In Pokalspielen gegen Erstligisten hatte man einen Vorgeschmack auf die Gangart in der höchsten deutschen Spielklasse erhalten und gesehen, dass es vor allem in Sachen Athletik eine andere Hausnummer werden würden. Doch Köpp und seine Schützlinge nahmen die Herausforderung an: „Das war wie eine Welle, die immer größer wurde und bei der der ganze Verein dabei war“, sagt der Trainer rückblickend. „Wir waren gesund gewachsen und das gesunde Herangehen hat uns gar nicht darüber nachdenken lassen, ob wir da abgefiedelt werden oder ob wir eine Chance haben. Wir wussten aber, dass wir uns verstärken mussten“, so Köpp, der die US-Spielmacherin Lakeysha Wright nach Wedel holte. „Sie war keine Scorerin, konnte aber den Ball bringen wie keine andere. Auch für die Erstligisten war sie ganz schwer zu stoppen“, zählt er auf, welche Qualitäten die Kalifornierin damals in seine Mannschaft brachte.

Letztlich bezwangen die Risterinnen im Verlauf der Premierensaison 2000/01 jeden Gegner mindestens einmal – bis auf Serienmeister Wuppertal, gegen den man sich erst in der Schlusssekunde geschlagen geben musste. Köpp: „Wir waren der Schrecken der Liga, das muss man wirklich sagen.“ Schrecken der Konkurrenz ja, Liebling aber nicht unbedingt. Denn die Wedeler Entscheidung, der in dieser Zeit noch nicht verpflichtenden Saisoneröffnungsveranstaltung fernzubleiben, war bei manchen anderen Erstligisten gar nicht gut angekommen. „Damals war es noch so, dass man da Freundschaftsspiele gegen die anderen Erstligisten machen sollte und sich alle Teams präsentieren sollten, was für uns natürlich völlig absurd war. Da sollten Kosten von mehreren tausend Mark auf uns zukommen, das Geld hatten wir gar nicht. Wir waren froh, dass wir eine Spielerin aus Amerika einkaufen konnten. Wir waren plötzlich unter einem irren Druck. Das stand sogar in der FAZ. Es war das einzige Mal, dass wir mit den Damen in der FAZ standen. Wir sind nicht zu dem Season Opening hingefahren, dafür hat man uns natürlich nicht geliebt“, so Köpp. Der Tenor habe gelautet: „Solch eine Mannschaft wie Wedel wollen wir in der Liga gar nicht dabei haben“, hat er den Gegenwind noch in Erinnerung. Die Risterinnen nahmen es hin und stürzten sich auf die sportlichen Aufgaben. „Wir sind in dieser Liga ja eingeschlagen! Ich weiß nicht, ob es damit zusammenhing, dass man uns nicht ernst nahm“, sagt Köpp.

Dass es auch mal eine deftige Niederlage gab, brachte die Risterinnen als Bundesliga-Neuling nicht aus dem Konzept. Köpp: „Wir hatten in dem Jahr das Glück, dass alle Leistungsträger gesund und fit geblieben sind. Wir hatten keine ernsthaften Verletzungen.“ Bei der Finanzierung der Bundesliga-Teilnahme sei es „Spitz auf Knopf“ zugegangen, blickt der Trainer zurück, der zum Gelingen der Erstligazeit viel mehr tat, als Übungseinheiten zu leiten und Anweisungen an der Seitenlinie zu geben, sondern auch Manageraufgaben sowie teils die Pressearbeit übernahm und zusammen mit den prägenden Spielerinnen dieser Zeit wie Hanna Green und Katharina Kühn, später auch Gundula Hahn, Tilla Becker, Dana Penno oder Rebecca Brincat die großen Jahre der 1. Damen verkörperte. „Wir durften keine Mark zu viel ausgeben“, sagt Köpp und erinnert sich an Abenteuerliches im ersten Bundesliga-Jahr: „Wenn man sich die Fahrten ansieht: Das Auswärtsspiel in Freiburg zum Beispiel. Da sind wir im tiefsten Schnee in zwei Vans mit dem gesamten Kader hingefahren. Es war Winter hier oben, es war Winter da unten, man ist fast Tage lang gefahren. Aber so etwas gehörte eben dazu. Das hat uns aber auch wieder diesen Charakter gegeben. Wenn man in einer Jugendherberge schläft, schläft man meistens besser als in einem Luxushotel. Mit der Mentalität sind wir da auch herangegangen. Und jeder Spielerin, die zu uns kommen wollte, haben wir das auch gesagt. Die haben dann schnell festgestellt, dass man hier nicht reich wird, aber dass hier durchaus Sportliches und anderes stimmt“, erzählt er.

In taktischer Hinsicht baute Köpp auch in der ersten Liga auf jene Grundzüge, die seine Mannschaften immer ausmachten: „Allen voran aggressive Verteidigung, auch ein hohes Aufpushen innerhalb der Mannschaft, aggressiv zu spielen und Teamdefense zu spielen. Jeder spielt natürlich Teamdefense, aber ich meine das noch etwas genauer: Wir waren zusammengeschweißt. Jeder, der hereingekommen ist, musste sich in dieses System einfügen und es mit unterstützen. Jeder, der hereinkam, musste seinen Teil geben und hat dafür etwas vom Team zurückbekommen. Das war etwas ganz Entscheidendes. Wir haben damit die Gegner auch überwiegend in den Griff gekriegt“, erläutert er, wie es den Risterinnen als Liganeuling gelang, die Gegner mit beinharter Verteidigung und Schnellangriffen teils zu überrumpeln. Auch Ausgeglichenheit und Tiefe des Kaders hätten ihren Anteil am Erfolg gehabt. Wie beim Auswärtserfolg in Marburg, der Köpp aus dem Premierenjahr in der Bundesliga ganz besonders im Gedächtnis blieb. „Wir sind da hingefahren und haben gesagt: ‚In Marburg schaffen wir das nicht. Wir haben schon so viele geschlagen, aber Marburg werden wir nicht schlagen‘ “, erinnert sich der Trainer. Er sollte sich täuschen: Seine Risterinnen setzten sich auch gegen den Favoriten durch, Köpp konnte es kaum fassen, weiß er noch Jahre danach als zu gut. Am tiefsten eingebrannt hat sich aber das Aufeinandertreffen mit Wuppertal, der „Übermannschaft“ dieser Jahre. „Wir haben mit einem Punkt geführt, es waren nur noch wenige Sekunden zu spielen“, lässt Köpp die Szenen Revue passieren: Mit „einem Standardsystem“, sagt er, habe Wuppertal seine Mannschaft geknackt und die faustdicke Überraschung in Gelb-Grün in letzter Sekunde noch abgewendet. Köpp hat’s nicht vergessen: „Ich weiß noch genau, wo ich stand, und wie wir uns angeguckt haben: ‚Nein, das kann nicht sein.‘ “

Die Risterinnen schlossen die Hauptrunde als Fünfter ab und standen somit im Viertelfinale. Dort ereilte sie zwar das Saisonaus, doch festzuhalten blieb: Der Sprung in die Playoffs war als Aufsteiger ein toller Erfolg! Und im Pokal stieß man noch weiter vor. Beim Endturnier in Recklinghausen wurde der Gastgeber bezwungen, ehe man sich im Finale Wuppertal geschlagen geben musste. Doch auch Vizepokalsieger klang ganz hervorragend, zumal der SC Rist damit in der Folgesaison im Europapokal antreten würde. Aber vor allem wurde das Pokalwochenende zu einem echten Rist-Erlebnis mit riesiger Fanunterstützung. Für manche Auswärtsfahrten war in der Saison 2000/01 ein Reisebus gemietet worden, natürlich auch in Richtung Recklinghausen – ausgelassene Stimmung inklusive: „Das war der absolute Knaller. Das waren grandiose Fahrten damals, es wurde viel gefeiert“, sagt Köpp.

Für ihn selbst gab es noch das Sahnehäubchen. Köpp wurde 2001 zum Bundesliga-Trainer des Jahres gekürt. Trotz der starken Saison, die er mit den 1. Damen als Erstliganeuling hingelegt hatte, habe ihn diese Auszeichnung damals überrascht, „zumal wir uns den Unmut der Liga auf uns gezogen hatten. Ich hatte natürlich nicht damit gerechnet“, sagt er. Es war eine Anerkennung für seine Arbeit, aber auch des gesamten Kaders – und zugleich die Krönung einer furiosen Premierensaison in der ersten Liga: „Ich gehörte zur Mannschaft, die Mannschaft gehörte zu mir, wir waren irgendwie eins in dieser Zeit. Deswegen war das nicht nur ich, der ausgezeichnet wurde. Darauf bin ich heute noch stolz, dass gesehen wurde, dass wir in Wedel etwas Gutes gemacht haben“, so Köpp. Das hinterließ auch bei der Konkurrenz tiefen Eindruck. Gute zehn Jahre später, erzählt er, habe er beim Bundesjugendlager den früheren Freiburger Trainer Harald Janson getroffen: „Er stand da in einer Runde und unterhielt sich mit ganz vielen Trainern, die alle ein bisschen jünger waren. Da kam ich dann hinzu. Und dann stoppte Harald Janson und sagte: Leute, darf ich Euch vorstellen, das ist Marc Köpp. Wenn der seine ganzen Nationalspielerinnen, die er herausgebracht hat, zusammennimmt und in die erste Liga geht, gewinnt er da heute noch.“

Bis 2004 blieben die 1. Damen unter Köpps Leitung in der Bundesliga – und vertraten den Wedeler Basketball auf internationalem Parkett. Dort gab es neben teils hohen Niederlagen auch Feiertage wie den knappen 51:50-Heimsieg gegen Wisla Krakau im Ronchetti-Cup Mitte Oktober 2001 oder ein Jahr später bei der Teilnahme am FIBA Europe Cup den 79:73-Erfolg über Dynamo Kursk. Wedel im Europapokal – das gab es davor und danach nie wieder.

Zweifellos ist der Name Marc Köpp untrennbar mit der Glanzzeit der 1. Damen verbunden, aber auch große Erfolge im Wedeler Jugendbereich wie der Gewinn mehrerer deutscher Meistertitel, seine Trainerjahre bei der BG Göttingen inklusive Zweitligaaufstieg, seine Tätigkeiten beim Bundesligisten BG Dorsten, beim Deutschen Basketball Bund als Co-Trainer der weiblichen U18-Nationalmannschaft sowie beim Hamburger Basketball Verband und mehreren Vereinen im Großraum Hamburg gehören zu seiner Vita. Und immer wieder der SC Rist: Ab 2007 betreute er für zwei Jahre erneut die 1. Damen (damals in der 2. Bundesliga) und ist nach wie vor als Jugendtrainer in Wedel aktiv. Derzeit profitiert die 1. weibliche U14 von seinen Qualitäten als Basketball-Ausbilder und von seiner immensen Erfahrung.

Köpp war Spieler, als Pressewart begleitete er unter anderem die Erfolge der 1. Herren Ende der 80er Jahre, die meisten und dicksten Einträge ins Geschichtsbuch des Wedeler Basketballs hat er aber selbstverständlich als Trainer geschafft, als langjähriger „Macher“ der 1. Damen: „Wenn man über den SC Rist spricht, muss man diese Zeit natürlich erwähnen. Das ist einer der Meilensteine, ganz klar“, sagt Köpp. Nicht unter den Tisch fallen soll, was der 49-Jährige als Rist-typisch einschätzt: „Allen voran war immer das Familiäre, der unglaubliche Zusammenhalt“, so Köpp und gibt noch ein Beispiel zum Besten: „Die Lund-Fahrten: Mit 130 Leuten sind wir da hingefahren. Da trifft man sich am 1. Januar am Wedeler S-Bahnhof, fährt zum Hauptbahnhof. Da steigt diese 130-Mann-Delegation in einen Regionalzug und fährt nach Travemünde, steigt da aus, besteigt ein Schiff und fährt über Nacht nach Trelleborg, steigt da aus, wird von Reisebussen abgeholt und fährt zum Turnier. Das ist doch absurd, das würde doch keinem Mensch einfallen, aber wir haben das gemacht und wir haben das genossen! Jeder einzelne, der dabei war! Das ist SC Rist!“