50 Jahre SC Rist…mit Özhan Gürel

  • 10. April 2018

Wedeler Basketball-Geschichte und -Geschichten: Anlässlich des 50-jährigen Vereinsjubiläums sprechen in unserer Artikelreihe Rist-Persönlichkeiten über ihren Klub, ihre Karriere und mehr.

Es reichen Stichworte und schon sprudelt es aus Özhan Gürel heraus. Gegner, Ergebnisse, einzelne Spielszenen und -systeme, alles hat er noch bestens im Hinterkopf, im Handumdrehen erstellt er einen mündlichen Ausdruck aus seiner gedanklichen Trainerdatenbank. Zwischen 2003 und 2012 war der jetzt 38-Jährige erst Spieler der 1. Herren, dann Trainer der 1. Damen, anschließend der 1. Herren und betreute Jugendmannschaften. Zweifellos zählt Gürel zu den erfolgreichsten Trainern in der Rist-Geschichte. Aber auch seine große Leidenschaft für den Basketball, das in ihm flammende Feuer für die Sportart sowie sein enormer Einsatz mit Körper und Geist für den SC Rist sind unvergessen.

Özhan Gürel: Brennende Basketball-Leidenschaft. Fotos: Claus Bergmann

Dass die Saison 2008/09 ein gutes Ende nehmen würde, daran mochte Özhan Gürel an jenem Abend des 4. April 2009 nicht glauben. Seine 1. Herren waren am vorletzten Spieltag als Tabellenführer und erster Anwärter auf den Meistertitel in der Regionalliga zum Auswärtsspiel nach Itzehoe gereist. Aus dem Traum vom Triumph wurde (vorübergehend) ein Albtraum. „Ich war nach dem Spiel im Krankenhaus, ich hatte Herz-Rhythmus-Störungen, weil ich mich so sehr aufgeregt habe. Die Nacht habe ich im Krankenhaus verbracht“, sagt Gürel jetzt, rund neun Jahre nach dem 72:86 gegen Itzehoe, das den fast schon sicher geglaubten Gewinn des Titels und den Aufstieg in die 2. Bundesliga ProB noch einmal in Gefahr brachte. Ihm habe damals manchmal die Mitte zwischen den Extremen gefehlt, kann Gürel heute über die damalige Anspannung schmunzeln. Es ging gut aus. Denn seine Rister gewannen nur wenige Tage nach der schmerzhaften Niederlage gegen Itzehoe den HBV-Pokal und fuhren Mitte April schließlich mit einer 100:55-Gala im Heimspiel gegen Bramfeld die letzten noch nötigen Punkte für die Regionalliga-Meisterschaft ein. Gürel hatte seine Mannschaft, in der mit Marvin Willoughby, Peter Huber-Saffer, Florian Moysich, Mac-Davis Duah oder Moris Hadzija jede Menge erfahrene Kräfte standen, zu einer Erfolgseinheit geformt. Trotz der dramatischen Szenen von Itzehoe: Den entscheidenden Schritt zum Meistertitel hatten die Rister eine Woche zuvor in Berlin mit einem nicht minder nervenaufreibenden 70:67-Sieg gegen Alba II getan. Na klar, Gürel hat die Szenen noch vor Augen: „Moris hat innerhalb von zehn Minuten ungefähr so 20 Punkte erzielt, und ich erinnere mich immer noch an den krassen Dunking von Marvin über Oskar Fassler hinweg und wie er seine Freude herausgeschrieen hat.“

Nach Klaus Smollich und Bernd Karow 1985 sowie Thorsten Döding 1994 war Gürel somit der nächste Trainer, der die Rister in die 2. Bundesliga, diesmal die ProB, führte. In der Premierensaison 2009/10 wurde die Liga damals noch eingleisig und bundesweit ausgetragen: „Sportlich hatten wir die wenigsten Probleme, es waren eher die Rahmenbedingungen, die manchmal schwierig waren. Die Spieler haben gearbeitet, und wir mussten manchmal mittwochs spielen, in Speyer oder Würzburg. Das war das größte Problem – oder überhaupt mal mit der kompletten Mannschaft spielen zu können“, so Gürel. Er führte die Mannschaft als Neunter sicher zum Klassenerhalt und auch im zweiten Jahr der ProB-Zugehörigkeit hielt er die Rister in der Liga – diesmal durch Siege gegen Konstanz in der Abstiegsrunde. Als Siebter zogen die Rister 2011/12 unter Gürels Leitung erstmals in die Playoffs ein. „Das erste Spiel haben wir in Nördlingen gegen den Tabellenzweiten aus dem Süden überraschenderweise gewonnen“, sagt er. Der damals 16-jährige Ismet Akpinar hatte rund 30 Sekunden vor Schluss den Treffer zum Sieg erzielt, auch im zweiten Duell wurde es dramatisch: Gürels Mannschaft führte in der Steinberghalle bereits mit 16 Punkten, doch Nördlingen kam zurück und fügte den Ristern in einer dramatischen Schlussphase eine 96:98-Niederlage zu. Im dritten Aufeinandertreffen – mitten in der Woche in Nördlingen – war für die Wedeler dann nichts mehr zu holen. „Wir waren keine Profimannschaft, die Gegner waren etwas professioneller, dadurch kamen vor allem die Leistungsunterschiede“, sagt Gürel heute. Sein letztes Trainerjahr bei den 1. Herren war zugleich Ismet Akpinars erstes in Wedel. Der Coach scheute sich nicht, den jugendlichen Spielmacher mitunter auch in die „erste Fünf“ zu befördern – oder wie in Nördlingen in den entscheidenden Phasen aufs Feld zu schicken: „Von der Einstellung her war Ismet mit Abstand der beste Spieler. Er war immer da, er hat immer sein Bestes gegeben und war natürlich auch talentiert. Jetzt sieht man, dass er seine Belohnung bekommt“, sagt Gürel über den Nationalspieler.

Immer mit Volldampf an der Seitenlinie

Sprung zurück: Gerade einmal 17 Jahre war Gürel alt, als er das erlebte, was er später als den Höhepunkt seiner Spielerkarriere bezeichnete. Als Jugendlicher hatte er in der Saison 1997/98 den Sprung in den Kader des türkischen Erstligisten Tuborg Izmir geschafft. Im Spiel gegen Galatasaray Istanbul sollte er ganz unverhofft seinen großen Auftritt haben. Gürel: „Davon bin ich nicht ausgegangen, ich dachte, ich spiele wieder nicht.“ Galatasaray bot damals den ehemaligen NBA-Spieler Lloyd Daniels auf – und der Amerikaner traf nach Belieben. „Wir lagen mit zehn oder 15 Punkten hinten, Daniels hat uns zerstört“, erzählt Gürel. Auf einmal rief Izmirs Trainer ihn zu sich: Er, der 17-jährige Jugendspieler, sollte es jetzt gegen den Amerikaner richten und ihn in die Schranken weisen. „Das habe ich, glaube ich, auch ganz gut gemacht. Daniels war von mir genervt, ich habe zwar drei Fouls begangen, aber er hat nicht gescort.“ Gürel hatte beim „Bearbeiten“ des NBA-erfahrenen Profis das in die Waagschale geworfen, was er später auch als Trainer von seinen Schützlingen verlangte: Vollen Einsatz und beinharte Verteidigung. Bei Ankaragücü und Geredespor spielte er nach seinem Weggang aus Izmir noch jahrelang in der zweiten türkischen Liga – als Verteidigungsspezialist mit Vorliebe für die „Drecksarbeit“. In der 2003/04 stellte er diese Qualitäten nach seinem Umzug nach Deutschland in den Dienst der 1. Herren. Seine in Deutschland lebende Schwiegermutter hatte Gürels Bewerbung an den SC Rist und den damals ebenfalls in der Regionalliga spielenden BC Hamburg weitergereicht. BCH habe sich nicht gemeldet, erinnert er sich, aber Rist-Manager Jörg Gehrke zeigte Interesse und lotste ihn nach Wedel. Gürel: „Mein Plan war, so lange weiterzuspielen wie möglich und parallel zu studieren.“ Kurz nachdem Pat Elzie im Dezember 2003 das Traineramt bei den 1. Herren übernommen hatte, verletzte sich der Defensivspezialist. Zum dritten Mal in seiner Karriere musste er sich einer Knieoperation unterziehen, das bedeutete das Leistungssport-Aus – zumindest als Spieler. „Neun Monate lang konnte ich nach der Operation nicht mal joggen gehen“, sagt Gürel. Was tun? Spielen ging nicht mehr. „Zuerst habe ich gedacht, das ist das Ende der Welt. Was mache ich jetzt? Ich hatte keinen Plan B. Gott sei Dank hat mir der Verein die Chance gegeben, mich als Trainer zu entwickeln und mich weiter in Deutschland zu integrieren, die Sprache zu lernen“, blickt er zurück.

Im Frühjahr 2004 ging die Erstligaära der 1. Damen zu Ende, ein Nachfolger für Erfolgstrainer Marc Köpp musste her. „Ich wurde von Joe Rose gefragt, ob ich die Damen als Trainer übernehmen kann“, sagt Gürel. Zuvor hatte der damals 24-Jährige zwar neben seiner Spielertätigkeit die Wedeler M16 betreut, mehr Trainererfahrung hatte er jedoch nicht vorzuweisen. „Erst nachdem ich das Angebot bekommen habe, Trainer der Damen zu werden, habe ich mich richtig damit beschäftigt und habe im Sommer in der Türkei hospitiert“, sagt er. Und auch von Ingo Freyer, der ab 2004 die 1. Herren trainierte und dessen Assistent Gürel später zusätzlich wurde, habe er viel gelernt. Aufreibend sei die Anfangszeit als Trainer in Wedel dennoch gewesen, erinnert er sich: „Schwierig war die Sprache. Das Basketball-Wissen war da, ich hatte ja in sehr guten Vereinen gespielt. Darüber habe ich mir am wenigsten Sorgen gemacht.“ Seine Anweisungen gab er in einer Mischung aus Deutsch, Englisch und Türkisch. „Ich war unsicher, und dann waren das ja auch noch Mädels in meinem Alter“, lacht er. Doch der Erfolg war gleich da: Zusammen mit seiner Co-Trainerin Gundula Hahn (heute Laabs) führte er die 1. Damen ins Playoff-Finale gegen Wolfenbüttel, wo sich die Risterinnen knapp geschlagen geben mussten. „Die Mannschaft war super: Hanna Green, Tilla Becker, Anna Görg, Margret Skuballa, Emily Doharty. Das war eine gute Mannschaft für die zweite Liga“, zählt Gürel auf. Und es gab für ihn in der Saison 2004/05 gleich noch einmal Silber, mit der weiblichen U18 wurde er Deutscher Vizemeister.

Aufstiegsmacher 2009: Gürel mit Peter Huber-Saffer.

Im Sommer 2007 wechselte Gürel nach drei Zweitliga-Jahren mit den 1. Damen auf den Trainerposten der 1. Herren. „Damals war Ed Oosterman Teammanager, wir hatten ein sehr gutes Verhältnis. Er hatte Vertrauen in mich, dass ich den Job machen kann“, sagt Gürel. Langsam, aber stetig legte er den Grund für das Ziel ProB-Aufstieg. „In der ersten Saison hatten wir unter anderem mit den Schwarz-Brüdern, mit Vincent Kittmann und Arne Meyer eine junge und talentierte Mannschaft. Ich erinnere mich an die Trainingseinheiten im Sommer. Die Jungs haben so was von Gas gegeben und intensiv trainiert. Ich habe gesagt: ‚Wir laufen zehn Minuten‘, und die sind das Doppelte gelaufen. So ungefähr. Beim Krafttraining auch. Die hatten Spaß daran. Unser ältester Spieler war Mac-Davis Duah, der auch super-gut trainiert hat“, sagt Gürel. Zwar verließen Kristof und Malte Schwarz sowie Vincent Kittmann den SC Rist nach der Saison, die auf dem vierten Platz abgeschlossen wurde, doch es kam hochwertiger Ersatz: Peter Huber-Saffer und Florian Moysich zogen nach Hamburg, im Laufe der Saison 2008/09 kamen schließlich auch noch Marvin Boadu, Moris Hadzija und Marvin Willoughby hinzu. „Für die Regionalliga war das ein All-Star-Team“, lacht Gürel. „Natürlich war das mit so vielen erfahrenen Spielern manchmal auch stressig, aber sie haben mich alle respektiert und verstanden, was das Ziel war“, sagt er. Zu vielen Auswärtsspielen sei man in der Meistersaison am Vortag angereist und habe im Hotel übernachtet. „Das waren Dinge, die für den Aufstieg einen Effekt hatten“, so Gürel.

Einige Monate, bevor es zur Trennung zwischen Gürel und dem SC Rist kam, führte er die M18, seine Jungs, die er seit Jahren trainiert hatte, zur Silbermedaille im DBB-Jugendpokal. Der Förderung von Talenten hat sich Gürel mittlerweile ganz verschrieben. Als Trainer der JBBL-Piraten gehören einige der größten Hamburger Nachwuchshoffnungen zu seinen Schützlingen. Es gehe bei seiner jetzigen Basketball-Tätigkeit viel weniger als im Erwachsenenbereich um Sieg und Niederlage, sondern in allererster Linie um die Entwicklung von Talenten, sagt er. Der nach seinem plötzlichen Karriereende als Spieler 2004 ein wenig unversehens eingeschlagene Weg ins Trainergeschäft hat sich in der Rückschau keinesfalls als Notlösung herausgestellt. Inzwischen hat Gürel die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen und ist hauptberuflich als verbeamteter Sport- und Gesellschaftslehrer tätig.