50 Jahre SC Rist…mit Ewald Schauer (1. Teil)

  • 22. Mai 2018

Wedeler Basketball-Geschichte und -Geschichten: Anlässlich des 50-jährigen Vereinsjubiläums sprechen in unserer Artikelreihe Rist-Persönlichkeiten über ihren Klub, ihre Karriere und mehr.

Ohne den Tatendrang und die Ideen des Ewald Schauer gäbe es den SC Rist wohl nicht und wäre Wedel auch keine Basketball-Hochburg. Der heute 90-Jährige war nicht nur Initiator der Gründung im Mai 1968 und richtunggebend in den Vormonaten, er prägte auch die Konzeption des Vereins mit bis heute gültigen Leitgedanken. Als erster Vorsitzender baute er den jungen Verein mit großem Einsatz, mit Kreativität und Akribie auf, als Jugend- und Techniktrainer entdeckte und förderte Schauer einige der größten Rist-Talente. In der Basketballlehre machte er sich als Autor von wissenschaftlichen Artikeln und Fachbüchern zur Technikschulung weit über Norddeutschland hinaus einen Namen.


Ewald Schauer. Foto: Frenzel / wedel.de

Es war eine neue Zeit, die in Wedel im Frühjahr 1965 anbrach. Das Johann-Rist-Gymnasium (JRG) nahm seinen Betrieb auf. Ewald Schauer, Lehrer für Deutsch, Philosophie und Sport, wechselte auf eigenen Wunsch nach vier Jahren am Ludwig-Meyn-Gymnasium in Uetersen ins neue Wedeler Kollegium. Am JRG wurde er Fachleiter Sport und sah sich der Schwierigkeit gegenüber, dass es am Gymnasium weder Turnhalle noch Sportplatz gab. „Der Sportunterricht wurde vor- und nachmittags außerhalb der Schule, vom Rosengarten über Bergstraße bis hin zur Albert-Schweitzer-Schule, erteilt“, schreibt Schauer in seinen Erinnerungen. Erst Ende Dezember 1966 wurde die „kleine Halle“ am Rist-Gymnasium eingeweiht. Zwecks eigener Fitness und gemeinsamer Weiterbildung lud Schauer in seiner Funktion als JRG-Fachleiter Sportlehrer aus allen Wedeler Schulen zu wöchentlichen Sportstunden in die neue Halle ein. Die „Arbeitsgemeinschaft Wedeler Sportlehrer“ entstand, Schauer wurde der Sprecher des Zusammenschlusses, den er später als „Keimzelle des SC Rist“ bezeichnete.

Schauer wie auch sein Kollege Klaus „Mike“ Smollich, der als Referendar ans JRG gekommen war, waren begeisterte Ballsportler, beiden hatten unter anderem Handball praktiziert. Für sie war klar, dass im Sportunterricht als auch in den Übungsstunden der Sportlehrer mindestens eine Mannschaftssportart geübt werden sollte, bloß welche? Es kam zum Ausschlussverfahren: Handball lag angesichts Schauers und Smollichs eigener Spielerfahrungen nahe, fiel aber flach, dafür war die Halle zu klein und schlichtweg ungeeignet. Fußball? Auch nicht. Dort, wo 1974 der JRG-Sportplatz entstehen sollte, herrschte damals noch Wildwuchs auf bracher Fläche. Volleyball? Könnte gehen, wurde aber auch gestrichen. Schauers Überlegung: Für Anfänger zu anspruchsvoll, um eine ganze Schulklasse während des Unterrichts in Bewegung zu bringen. Also Basketball? Körbe waren in der Turnhalle angebracht worden, „aber es fehlten allen Kollegen wegen mangelnder Ausbildung an der Universität genügend Kenntnisse, um Basketball richtig zu erlernen und zu lehren“, hielt Schauer in seinen Erinnerungen fest. Er nahm Kontakt zum Hamburger Basketball Verband auf, der ihn mit dem in Wedel wohnenden ehemaligen Nationalspieler Gerd Rehder in Verbindung brachte. Rehder erklärte sich bereit, die Wedeler Sportlehrer basketballerisch zu schulen, mit Peter Schröder aus Holm erhielt er Verstärkung von einem weiteren Fachmann. Die erworbenen Basketball-Kenntnisse wurden im Sportunterricht und in Basketball-Arbeitsgemeinschaften angewandt, die sich großer Beliebtheit bei den Schülern erfreuten. Es kam der Gedanke auf, eine aus Lehrern gebildete Mannschaft im Spielbetrieb des Hamburger Basketball Verbandes ins Rennen zu schicken, um über die gesammelte Wettkampfpraxis in einem zweiten Schritt positive Effekte auf die Basketball-Ausbildung im Schulbetrieb zu erhalten. Bei dieser Idee blieb es nicht – Schauer schlug vor: Gründen wir doch gleich einen eigenen Schulsportverein! Auf diese Weise würden die Schüler das Gelernte im Wettkampf umsetzen können.

Gerd Rehder, der bereits als Aufbauhelfer bei der Vermittlung der einst unbekannten Sportart wichtige Arbeit geleistet hatte, kam abermals eine entscheidende Rolle zu: Er hatte schon bei der Entstehung des BC Johanneum mitgewirkt und ließ seine Kontakte spielen, um Schauer und Co. die BCJ-Vereinssatzung zu besorgen. Auf welchen Namen sollte das Kind getauft werden? Sportclub Rist erhielt den Vorzug gegenüber Basketballclub Rist, um anderen Sportarten außer Basketball die Tür offen zu halten. Die Vereinsgründung war beschlossene Sache, am 28. Mai 1968 wurde sie in den Weinstuben am Wedeler Markt offiziell vollzogen. „Als Initiator und Organisator der Vereinsgründung des Sportclub Rist musste ich auch das Amt des Vorsitzenden übernehmen“, blickt Schauer auf den Geburtstag zurück. „Ob ich denn überhaupt wisse, worauf ich mich da einließe, fragte mich Peter Schröder. Ich ahnte es nicht einmal“, notierte Schauer in seinen Erinnerungen.

Der erste Entwurf des Rist-Wappens

Nach damaliger Sitte liefen die Schüler im Sportunterricht in einheitlicher Tracht auf. Grüne Hosen und (gemäß alter Turnertradition) weiße Hemden lautete am JRG die Kleiderordnung, die Vereinsgründer machten aus Weiß Gelb – die Natur stand dabei Pate: Die Verbindung von Gelb und Grün komme schließlich auch in der Pflanzenwelt häufig vor, lautete das schlagende Argument. Sonnenblume und Löwenzahn lassen grüßen. „Den ersten Satz Trikots in Gelb mit grünen Nummern bestellte die erste Herrenmannschaft, und zwar mit den Nummern 3 bis 14. Wir wussten nicht, dass die Nummer 3 schon seit einigen Jahren nicht mehr zulässig war“, erinnerte sich Schauer. Doch ein Verein braucht nicht nur Farben, sondern auch ein Wappen. Der Vorsitzende ließ den Blick schweifen. Im Herbst 1969 gastierten Jugendmannschaften von Sparta Prag in Hamburg und traten auch zu Freundschaftsspielen gegen die Rister an. Das Sparta-Abzeichen hinterließ Eindruck, Schauer beauftragte seinen Schüler Frank Tesch, in Anlehnung an den Prager Wimpel ein Vereinswappen für den SC Rist zu entwerfen: Es entstand das charakteristische gelb-grüne Abzeichen mit stilisiertem Netz und SCR-Schriftzug – längst ein Klassiker mit Wiedererkennungswert.

Als Vorsitzender des jungen Vereins übernahm Schauer nach der Gründung im Mai 1968 den Großteil der bürokratischen Pflichten, erledigte die nötigen Amtsgänge, organisierte, plante und handelte: „Die Vereinsadresse war meine Privatanschrift, so dass der gesamte Schrift- und Telefonverkehr vor allem mit dem Hamburger Basketball Verband, aber auch mit der Stadt Wedel und der Presse, über mich gelaufen ist“, schrieb Schauer. Zu tun gab es reichlich. „Es klingelte immer das Telefon. Da ging es um Spielansetzungen mit dem HBV, da ging es um Schiedsrichteransetzungen oder um Korrespondenz mit der Stadt“, erinnert sich auch sein Sohn Dirk. Doch nicht überall war der neue Verein gern gesehen. Schauer hielt fest: „Kaum war er auf der Welt, sah sich der kleine Club lebensgefährlichen Anfeindungen ausgesetzt und musste feststellen, dass es äußerst schwer war, Wohlwollen oder gar Hilfestellung zu erhalten.“ Die Nutzungszeiten in der JRG-Halle wurden zum Zankapfel. Die Kapazitäten, die vorher von den schulischen Basketball-Arbeitsgemeinschaften genutzt wurden, sollten nach der Gründung einfach auf den Verein übertragen werden. Für die Heimspiele wollte der SC Rist in seiner ersten Saison 1968/69 den Sonnabend nutzen, an dem die Halle leer stand. Aber die Verwaltung stellte sich quer. Es obliege der Stadt, von der Schule nicht in Anspruch genommene Hallenzeiten zu vergeben, hieß es aus dem Rathaus. Die Stadt schlug die fraglichen Kapazitäten dem TSV Wedel zu. Schauer: „Damit hatte der SC Rist schon vor seiner ersten Saison in Wedel Hallenverbot. Drei Mannschaften waren aber schon zu Punktspielen angemeldet. Sollte das das Aus sein, bevor es angefangen hatte?“ Der Rist-Vorsitzende fragte vorsorglich schon einmal bei Schulen in Rissen und Sülldorf an. Nach Verhandlungen mit Lokalpolitikern und TSV-Vertretern erhielt der junge Verein doch die Hallenzeiten überlassen. Schauer vermerkte eine lehrreiche Schlussfolgerung: „Ein Kommunalpolitiker gab den Tip: Seht zu, dass Ihr in die Zeitung kommt, dann kann Euch kein Politiker ignorieren. Sportliche Leistung und damit Aufmerksamkeit erregen (…) So wurde der SC Rist zu sportlichen Erfolgen genötigt“, schreibt Schauer in seinen Erinnerungen an die stürmische Anfangsphase im Jahr 1968.

Bericht aus der Bild-Zeitung vom 13. Dezember 1968

Aber den Leistungsgedanken hatten Schauer und seine Sportlehrerkollegen ohnehin als einen Grundpfeiler des Vereins ausgemacht, schließlich war die Aussicht auf Wettkampfteilnahmen eines der Argumente für die Gründung des SC Rist gewesen. Dementsprechend hieß es im vereinsinternen Bericht über die Premierensaison 1968/69: „Aufgabe des Sportclubs soll es sein, vor allem den jugendlichen Mitgliedern Wege zu eröffnen, die zu einer optimalen Leistung führen. Das bedeutet: gute Anleitung durch ein qualifiziertes Training; mehrmalige Übungsmöglichkeiten in der Woche; häufige Wettkampfgelegenheiten gegen leistungsstarke Gegner. (…) Zwei Mitglieder des SCR (Rehder und Schauer) gehören dem neugegründeten Leistungsausschuss des Verbandes an und haben mitgeholfen, das Hamburger Leistungszentrum aufzubauen. Diesem Leistungszentrum, das zunächst die Arbeit mit Junioren- und Jugendspielern aufgenommen hat, gehören bereits fünf Jugendliche des SC Rist an.“ Einige Jahre später gab Schauer Spielern und Trainern Regeln an die Hand, die er für die leistungssportliche Ausbildung als grundlegend erachtete und die den hohen Anspruch der Wedeler Basketball-Talentschmiede unterstrichen. Im Saisonbericht 1970/71 schrieb er: „Jede Trainingsminute sinnvoll nutzen! Unkontrolliertes, lässiges Üben (z.B. Würfe auf den Korb) ist nicht nur unergiebig, sondern auch leistungsmindernd. Auch den Schulsportunterricht als Trainingsgelegenheit nutzen! Der Basketballspieler braucht Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer und Geschicklichkeit; diese Fähigkeiten kann man sich in der Leichtathletik, im Turnen, in der Gymnastik oder im Schwimmen aneignen. Ohne Training – keine Leistung; ohne Leistung – kein Spaß!“

Schon kurz nach der Vereinsgründung im Mai 1968 bemühte sich Ewald Schauer, einen Trainer für den SC Rist zu gewinnen. „Gerd Rehder sagte, dass er sich nicht bei den Inhalten und Methoden des modernen Basketballtrainings auskenne und empfahl, sich an Hans-Dieter Niedlich, den Spielertrainer beim HTB 62, Nationalspieler und Hamburger Jugend-Verbandstrainer zu wenden“, schreibt Schauer in seinen Aufzeichnungen. Er sprach Niedlich nach einem Spiel des HTB in der Halle Kieler Straße an und konnte den späteren Professor für Sportwissenschaft von einem Engagement als Gasttrainer in Wedel überzeugen. Zwei Mal im Monat gab Niedlich fortan Training beim SC Rist, Schauer holte den als Spieler, Trainer, Student und Uni-Assistent viel beschäftigten Fachmann stets im Auto von der S-Bahn ab. „Seine Trainingsarbeit bei uns, die wohl ca. ein Jahr dauerte, verhalf uns zur Vermittlung richtiger Technik und hilfreicher Übungsformen und damit zur Ausbildung leistungsstarker Mannschaften. Die Zusammenarbeit setzte sich fort, weil er unsere guten Spieler zum Verbandstraining nach Hamburg einlud“, so Schauer. Und im ersten Jahresbericht des SC Rist hieß es über die Zusammenarbeit mit „Nudel“ Niedlich: „Seine Trainingsarbeit nutzte nicht nur den Jugendlichen, sondern auch deren Übungsleitern, die als Beobachter mit dem neuesten Stand der Basketballschulung vertraut gemacht wurden.“

Im zweiten Teil des Artikels, der in den kommenden Tagen erscheint, geht es unter anderem um Ewald Schauers Arbeit als Techniktrainer.